Die Begegnung mit Bruder David Steindl Rast hat mich reicher beschenkt, als ich es mir hätte ausmalen können. Wie bewegend es war, sowohl im Innersten wie auch ganz konkret im Physischen und multidimensional-tänzerischen Sinne.
Was ich wohl mit am meisten genießen durfte, war, mich ganz in den Fluss des wohlorganisierten Programms hineingeben zu dürfen. Es ließ nicht nur ganz viel Raum für Spontaneität, sondern lebte geradezu davon. Gleichzeitig war es prall gefüllt und ließ uns beinahe von einem Highlight zum nächsten hüpfen. So durfte ich in einer Woche gefühlt die Fülle eines halben Jahres erleben. Wie Bruder David dabei auch noch Schritt halten konnte, grenzte aus meiner Wahrnehmung heraus beinahe an ein Wunder. Ich war gleichzeitig getragen und gänzlich frei, war weder für das Programm noch für eine Tanzgruppe verantwortlich und durfte meinen Tanz einfach wie in die entstehenden Wellen hineingießen – spontan, großzügig und von ganzem Herzen. Das gab mir beinahe ein Gefühl von Urlaub.
„Divine on holiday“ – das Göttliche war mit uns in den Ferien. Das könnte eine gelungene Überschrift für meinen Erfahrungsbericht sein.
Am 12. Juli 2026 kam ich mit Freunden gleich nach meiner Ankunft zum bereits begonnenen Gottesdienst unter freiem Himmel – gerade noch rechtzeitig. Dort sah ich Bruder David zum ersten Mal und aus großer Distanz. Er saß unter der sengend heißen Sonne ohne Kopfbedeckung, was unsere fürsorglichen Gemüter zunächst etwas beschäftigte, bis wir herausfanden, dass dies ganz seinem eigenen Wunsch entsprach. Erstaunlich war, wie unmittelbar ich mich vom ersten Augenblick an und auf mir unerklärliche Weise berührt und ergriffen fühlte.
In einem „Achtsamen Spaziergang“ des Netzwerks Dankbar Leben vom Kloster Gut Aich nach St. Gilgen, durch den Wald und entlang des malerischen Wolfgangsee-Ufers, war ein erster Stopp an der Friedens-Eiche, gleich hinter dem Kloster. Wir wurden zu einem Innehalten und einer kleinen Meditation angehalten. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, da stieg mir ein Gewahren zu Bewusstsein, als würde die Eiche mir etwas offenbaren. Ich meinte zu erkennen, dass der Zwischenraum zwischen einer (geistigen) Bewegung und der anderen genau mein Platz sei. „I am the gap between the movements“, so hatte ich mich schon sagen hören. Doch jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Mir fehlt es an nichts – auch nicht an der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tradition. Genau diese Lücke zwischen den Traditionen stellt meinen Platz dar, impliziert meine Aufgabe und macht meine Bewegung aus. Ich bin mit Infinite.dance (I.D.) das die bestehenden Bewegungen Verbindende. Und schon tippte mir eine Dame auf die Schulter. Sie stellte sich mir erfreut vor und erzählte mir in der nächsten halben Stunde davon, wie sie zu meinem Film kam, dass sie einer Sufimeisterin folge und mich zum Weltfriedenstag zum „Tanzen für den Frieden“ auf dem Stephansdomplatz in Wien einladen möchte. Im MoHA angekommen, wo die große Ausstellung David100 rund um Bruder David installiert war, traf ich Freunde von ihr, die ihrerseits einer spirituellen Gruppe aus Mexiko angehören, die meine Aufgabe zu teilen scheint – auf wiederum ihre ganz eigene Art. So begannen sich beim Internationalen Frühstück viele verschiedene Fäden miteinander zu verweben. Interreligiöse, geistig-seelische, menschen-herzliche Verbindungen wurden geknüpft.
Bei den Ausflügen der folgenden Tage durften durch unsere Zusammenkünfte sogar feine und tiefsinnige Freundschaften (neu) begründet werden. Immer wieder aufs Neue genoss ich die Chemie der Gemeinschaft. Eine wohltuende Mischung aus Prominenz – Menschen, die geistig, wissenschaftlich, künstlerisch, gesellschaftlich, sozial oder friedenspolitisch bereits bekannt sind – und einfach Hinzutretenden, gleich welchen Alters, welcher Herkunft und welcher möglichen Zugehörigkeit. Irgendwie passte es immer genau so, wie es war: Rund um Bruder David sprach jeder mit jedem oder schwieg, meditierte, kontemplierte oder betete neben gleich wem.
So durfte ich immer wieder aufs Neue erleben, dass z. B. in der Kirche von St. Gilgen ein Orgelspiel erklang und ich mich tanzend wiederfand, ohne zu wissen, wer denn nun was spielen würde. Diese Beiträge glichen meiner Wahrnehmung nach mehr Flügen als Tänzen. Im Kontext des Programmes möchte ich sie Intermezzos nennen.
Am Abend des 12. Juli, dem Geburtstag von Bruder David, gab es im Klostergarten eine Dankfeier für Bruder David mit Gebeten entlang der Thematik der Vier Elemente. Am darauffolgenden Tag wurde ich mit weiteren Künstlern spontan zu einem Schiffsausflug durch die bilderbuchhafte Kulisse der den See umringenden Berglandschaft eingeladen.
Selbst nach Jahrzehnten des Tanzes gibt es immer wieder Überraschungen: Beispielsweise die, auf einem durch Raum und Zeit gleitenden Schiffsboden mit etwas Schieflage einen Drehtanz zu tanzen, auf einem äußerst haftgebenden Brandschutzteppich und auf gefühlten 2–3 qm, die allein mein Rock ausfüllte – inmitten der dicht an dicht gedrängten Geburtstagsversammlung im Untergeschoss des Schiffsrumpfes und zum Rahmentrommelspiel des berühmten, mir bis dato jedoch unbekannten, jüdischen und in Zürich lebenden Percussionisten Toni Majdalani. Und das alles als Kulisse für meinen ersten Tanz für Bruder David. Hui, das war beschwingend!
Unserer Schiffsreise, die geografisch mit dem Besuch der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wolfgang und ihrer teils auf 1629 zurückgehenden Orgel kulminierte, folgten weitere Abenteuer. Weit und hoch hinaus ging es in dreistündiger Autokolonne zum gletscherbedeckten Großglockner. Nach der langen Fahrt direkt aus dem Wagen auf die durchaus spezielle Tanzplattform und in den Tanz zu springen, war abermals überraschend und phänomenal.
Am Mittwoch war nun die Veranstaltung, zu der ich und mein Tanz offiziell eingeladen waren. Entgegen meiner Idee, dass ich Bruder David ganz persönlich eine individuelle Tanzwidmung schenken dürfe, wurde ich angehalten, davon abzulassen und stattdessen eine Tanzdarbietung zu Ehren von Bruder David Steindl Rast der Buchveröffentlichung zu widmen. Mir kam es vor, als würde ich statt Gold nur Kupfer schenken dürfen. Doch langsam gewahrte mir, was Bruder David meint, wenn er sich als „WIR“ erfährt. Dass Gold gerade und vor allen Dingen auch im Kupfer ist, durfte ich in den Tagen um ihn mehrfach hautnah erleben. Möglicherweise war das der Anfang der Überschreibung eines Konzeptes von mir?
Die Tanzdarbietung zu Ehren von Bruder David Steindl-Rast anlässlich der Vernissage des Buches „Worauf es letztlich ankommt“ von Bruder David und Mario Quintana im MoHa in St. Gilgen wurde jedenfalls ein bezeichnendes Ereignis. Fein und kraftvoll. Der Tanz, der aus dem Moment heraus entstand, wurde musikalisch mitgestaltet von Judith Förster (Klarinette) und Toni Huber (Klavier).
Später schrieb mir Bruder David, dass ein Gedicht aus dem Hafiz-inspirierten Gedichtband von Daniel Ladinsky, welches ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, ihn sehr an meinen Tanz erinnere. Er schrieb: „AUF SEITE 68 LESE ICH ‚ICH HALTE DIE PRANKE DES LÖWEN, WENN ICH TANZE‘. DAS KÖNNTEST DU GESCHRIEBEN HABEN. SANFTHEIT UND KRAFT PAAREN SICH WUNDERSCHÖN IN DEINEM TANZEN.“ Ich bin Bruder David so unendlich dankbar, dass er mich sieht. Seine Worte: „Dein Tanz ist sehr – spirituell“ haben mir offenbart, dass er erkennt, was sich hinter dem Körper und durch diesen bewegt.
Viele weitere Erlebnisse, Eindrücke und Tänze schmückten unsere Tage. So z. B. die liebevolle Führung durch den Garten des Franziskanerklosters und die unübliche und nur aus inneren Reihen genehmigte Besteigung des mit seinen 87 Metern höchsten Kirchturms in Salzburg und im gesamten Salzburger Land (1486–1498). Hier entwickelten wir nach unserer Ankunft in schwindelnder Höhe bei der Realisierung der Zeit ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Räumlich stand der Abstieg an, von weit über den Dächern Salzburgs bis unterhalb der mächtigen Glockensammlung, und zeitlich sollten wir das Läuten dieser gusseisernen Riesen hinter uns lassen, bevor sie damit beginnen. Die Gruppe hielt zusammen und unser Plan war erfolgreich. Wieder ganz unten auf dem Erdboden angekommen, stellten wir allerdings mit großem Erstaunen fest, dass die Glocken gar nie geläutet hatten. Hatte jemand die Glockenschläge für diese Nachmittagszeit wohl uns zuliebe ausgeschaltet? Ob die Salzburger Gemeinde das auch bemerkt hatte? Oder konnten wir die Zeit anhalten?
Zu Mehmet Ungans Beitrag zum Sufismus im MoHa-Programm durfte ich nicht nur tanzen, sondern alle Anwesenden in den Drehtanz einführen! Zum Besuch der Kaiservilla Bad Ischl lud uns Hildegard von Habsburg-Lothringen ein. Sie ist die Gemahlin von Erzherzog Markus Salvator von Österreich (Urenkel von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, bekannt unter dem Namen Sissi). Im prächtigen Stuben-Saal angekommen, „zwinkerte sie mir zu“ – sie hatte mich auf dem Großglockner zum ersten Mal tanzen sehen – und lud mich damit ein, nochmals für Bruder David und die Versammlung, dieses Mal im Kontext des Schlosses, tanzen zu dürfen. Wie schade, dass die Rechte für das dabei entstandene Video und Fotomaterial nicht freigegeben wurden. Die Bedenken waren zu groß, dass Anfragen für weitere Tanzveranstaltungen oder ähnlich Außergewöhnlichem im Schloss sie heimsuchen könnten. Die wahre Anerkennung lag dann im Schluss, als Mehmets „aus dem Stehgreif – Gesang“ verstummte und die Kirchenglocken zu läuten begannen. Die Augen des Erzherzogs wurden feucht angesichts dieser Bestätigung und die Hände verharrten in einer aufhorchenden, anerkennenden Geste, die Bände sprach. Anschliessend durften wir durch die Parkanlage spazieren und uns die surreale Kunstausstellung „Sommerfrische“ von Jakob Lena Knebl im hübschen Marmorschlössl (1865 für Kaiserin Elisabeth errichteter Rückzugsort) besichtigen.
Was mich persönlich ebenfalls berührte und in mir nachklang, war der Gottesdienst in der Klosterkirche Gut Aich. Sie hat eine Orgel, deren Klang für mich einen freudvoll-verspielten Drehorgel-Jahrmarktscharakter hat, und viele weitere angenehm auffallende künstlerische Details sowie eine sehr besondere Marien-Grotte mit plätscherndem Brunnen und schwimmenden Teelichtern. Die Lesung, das von Jesus erzählte Gleichnis „vom Unkraut unter dem Weizen“, dem Gleichnis vom Himmelreich (Matthäus 13,24–30), warf die Frage auf, wie man mit dem Felde umgehe, auf dem dicht an dicht neben wohlgedeihten Ähren viel Unkraut wüchse. Die Antwort des Gutsherrn war entgegen der Erwartung der Knechte: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!“ Weiterführend wurde erwähnt, dass in der frühchristlichen Geschichte das „Himmel-oder-Hölle-Schwarz-Weiß-Denken“ so noch nicht bestand.
Über die überaus liebevolle Widmung, die Bruder David in das von ihm geschriebene und von mir gekaufte Buch „Die Achtsamkeit des Herzens“ schrieb, habe ich mich so innig gefreut, dass ich sie mit Euch teilen möchte (Titelbild dieses Blogs). Genauso wie über die Einladung, für einen Tanzworkshop in Puregg – Haus der Stille zusammenzukommen.
Bei meiner nächsten Einladung nach St. Gilgen, am 28.11. für einen Workshop und am 29.11. für einen Tanzbeitrag innerhalb der Buchvernissage „Adventslicht“, möchte ich mir das zauberhaft schöne Zen-Haus ansehen und ggf. einen Termin für eine dortige Zusammenkunft vereinbaren.
Durch unzählige Vorbereitungen und geballtes Herzblut vieler Engagierter konnten solch großartige Tage internationaler Tragweite und Begegnung erlebt und mit Zauber durchdrungen werden.
Danke von ganzem Herzen, lieber Bruder David, dass ich mit Dir und Deinen Freunden aus aller Welt Geburtstag feiern durfte. Deinen 100. Geburtstag! Danke auch an all Deine Freunde, die dies für uns und auch für mich möglich gemacht haben. Allen voran Toni Huber und Judith Förster. Danke auch für unsere liebevolle Unterbringung und danke natürlich der gesamten geistigen Familie in St. Gilgen und dem Europa-Kloster Gut Aich.
